Freitag, 24. Juli 2015

Meine Nacht in Bretten

Hallo,

lange habe ich nun dagesessen und überlegt wie ich meine Nacht in Bretten beschreiben soll.
Auf der einen Seite: wundervoll, liebevoll, nahezu perfekt organisiert, tolles Panorama und Eindrücke.
Auf der anderen Seite: Ein Kampf mit und gegen mich selbst.

Das war Sie die night 52 in Bretten:


Ein Lauf über (ausgeschriebene) 52 Kilometer mit 900 Höhenmeter durch die Kraichgauer Hügel. Oder besser drüber.
Start war am Samstag um 17:45 h und entsprechend war für fast jeden Teilnehmer klar, dass man erst bei Dunkelheit das Ziel erreichen sollte. 

Vorab gab es in der Sporthalle die Startnummern und ein kurzes Briefing zur Strecke und den 6 Verpfelgungspunkten. Aufgrund der Hitze, immerhin rund 25°C beim Start, gab es auch noch eine zusätzliche Wasserstation. An jeder dieser Punkte konnte man etwas transportieren lassen und ich nahm diesen Service gerne in Anspruch. 

Zum Start entschied ich mich dann ohne Trinkrucksack und weiteres Wasser loszulaufen. Wie etwa 20% des kleinen Teilnehmerfeldes. 90 Einzelstarter (88 Finisher) und 9 Staffeln (24 / 28 Kilometer) machten sich auf den Weg.
Zu erst auf einer 2 Kilometer durch die schöne Stadt Bretten und dann die Strecke freimachen für die schnellen 5 und 10 Kilometer Läufer die nach uns starten sollten. Wir bogen dann ab um aus der Stadt hinauszukommen. 
Sofort wurde es ruhiger und das Tempo auch langsamer den die erste Erhebung ließ nicht auf sich warten. Sukzessive sollte es nun bis Km 15 meist bergauf gehen. Dabei führt die Strecke auf breiten Wirtschaftswegen durch die Felder mit herrlichem Duft von reifem Weizen, verblühtem Raps, saftigem Mais, Rüben, ...Leider brannte dabei aber auch die Sonne etwas auf unsere Köpfe, den Schatten sollte es nicht geben. 
Aber schon bald hatte die Sonne ein Einsehen mit uns Läufern und verschwand hinter Wolken. Die Bedingungen waren jetzt wirklich perfekt. 
An der ersten Verpflegungsstelle trank ich trotzdem mehr als ausreichend und nahm das steilste Stück in Angriff. Dabei merkte ich aber leider auch, dass mein Magen sich meldete. Kein Hungergefühl sondern er musste arbeiten. Ich hoffte inständig, dass dies schnell vorüber gehen sollte und verfluchte meinen Verdauungstrakt, der mit leider viel zu häufig Ärger macht.
Bis Km 15 und dem zweiten Verpflegungspunkt sollte es so weiter gehen. Dort blieb ich etwas länger stehen, aß ein paar Kekse, trank Wasser und Iso und nahm ein Gefälle im Angriff. Jedoch nicht ohne Folgen.
2 Kilometer danach war Schluss. Die Krämpfe wurden so heftig, dass mir nichts anderes übrig blieb als mich in einem Maisfeld zu erleichtern. 
Doch auch danach lief es nicht run. Bis Km 24 und der nächsten Station kämpfte ich schon innerlich ziemlich. Immer wieder durchzogen mich Krämpfe. Und als es wieder was zu essen und trinken gab hatte ich Sorge, dass es sich wieder rächen sollte. Also nur ein paar Gummibärchen eingesteckt und einige Becher Cola getrunken. Schließlich vertrage ich die doch sonst auch. Und Energie sollte ich jetzt dringend zuführen.

Bis hierhin bin ich jedoch ansonsten recht flüssig gelaufen. Klar, die ständigen Steigungen spürte ich, aber es lief. Bei km 28 entschied ich dann aber doch die Steigung lieber zu gehen. Und damit war ich nicht alleine. Immerhin. 
Von nun an hieß es fast immer: Sobald eine Steigung erreicht war in den Geschritt weiter. Und aufgrund immer weniger Energie in Form von Essen leider auch immer mal wieder auf fast flachen Passagen. Die Kilometer wurden immer länger und hatte eigentlich schon aufgeben. 
Allerdings wusste ich auch, dass die Abstände zwischen den Verpfelgungspunkten zum Ende hin kürzer werden und Aussteigen leichter möglich sein sollte. 
Bei der 4 Verpfelgungsstelle trank ich dann wieder ordentlich Cola, schnappte mir 2 Kekse und meine Wasserflasche die ich dort deponiert hatte und lief weiter. Allerdings mit Schmerzen in den Oberschenkeln. Sollte sich die Höhenmeter den so rächen? 
Immer wenn ich von nun an im Gehschritt war sorgte ich für ausreichend Flüssigkeit. Aber was mir fehlte was feste Nahrung. Aber die konnte mein Magen nicht mehr verarbeiten. Selbst bei den 2 Keksen merkte ich das prompt. Also nur ab und an ein Gummibärchen, die in meiner Hosentasche langsam flüssig wurden...

Km 40 war erreicht. Verpfelgungsstelle 5. Ich ließ mir meine Wasserflasche auffüllen, trank meine Cola und nahm meine Stirnlampe mit. Den ich hatte vor noch ein wenig weiter zu laufen.
Zwar musste ich mich von meinem Zeitziel unter 5h zu bleiben langsam verabschieden aber ankommen ist auch großartig. 
Und meine Stirnlampe tat von nun an auch seinen treuen Dienst! den keine 2 Kilometer später sollte es in ein Waldstück gehen. Sah man kurz davor noch die Sonne eindrucksvoll untergehen, war es dort schon sehr dunkel. Aber die Strecke konnte man trotzdem erkennen. Diese war sowohl auf dem Boden, als auch durch Schilder mit fluoreszierender Farbe ausgeschildert. Und zwar sowohl vor, in und vor allem auch nach der Kurve und Abzweigung. Verlaufen unmöglich. 

So kämpfte ich mit mir selbst weiter und versuchte gleichzeitig die wundervolle Gegend, die Stille der Nacht und die Einsamkeit zu genießen. Ab und an traf man einen anderen Läufer, wechselte ein paar Worte und zog dann wieder davon. Auch Zuschauer waren verständlicherweise selten. Einzig und alleine an den Verpflegungsstellen und bei den Ortsdurchläufen hatte man Kontakt mit Zuschauern. Dort aber umso intensiver. Teilweise saßen ganze Nachbarschaften zusammen draußen und jubelten oder Kinder reichten einem Salzbrezeln. 

Ich wusste von der Streckenbeschreibung noch, dass die letzte Stelle der Verpflegung bei Km 44 sein sollte. Als dann 45 erreicht war wurde es richtig anstrengend. Und auch bei 46 war nix zu sehen. Sollte meine Uhr so daneben liegen? Bei 46,5km, laut meiner Uhr, war sie dann aber da. Ich trank wieder ordentlich, bekam mit, dass die erste Frau in meinem Rücken sein muss und fragte wie lange es denn noch sei: "8 Kilometer". Also liegt meine Uhr doch daneben war mein Gedanke.
Egal. Das schaffe ich jetzt auch noch. Zwar schmerzten die Oberschenkel in der Zwischenzeit beachtlich und bekam sogar Seitenstechen, so sehr, dass ich kaum Luft bekam in manchen Sekunden. Aber im Zweifel spaziere ich eben ins Ziel. 

Von nun an konnte man auch ohne Stirnlampe garnichts mehr sehen. Außer natürlich ab und an die anderen Lichtkegel in der Entfernung. So lief ich die nächsten Kilometer sogar relativ konstant ohne Gehpausen und erst als ich nochmals hinauf gehen sollte wurde ich von hinten nochmals eingeholt. Wir wechselten ein paar Worte, hatten die gleichen Ergebnisse auf der Uhr, und waren uns trotzdem einig, dass die Stadt zu unseren Füßen Bretten sein muss.Und auch das passierte 50km-Schild gab uns recht. Also doch nicht mehr so weit?
Zwar musste ich meinen Mitläufer ziehen lassen, doch nach 2 weiteren Kurven sah ich Straßenlaternen. Wie waren zurück in der Zivilisation. Die Uhr zeigt 52 Kilometer und noch nicht ganz 5 Stunden. Wäre doch hier nur das Ziel. Egal. So lief ich durch den Ort, erst einsam und je näher man dem Ziel kam unter dem Beifall von Anwohnern oder Cafebesuchern auf dem Marktplatz. Nur noch wenige Kurven und dann sollte es auf die Laufbahn zu einer Ehrenrunde gehen.
Dort auf dem Sportplatz fand zeitgleich das Sommerfest des TV Bretten statt und so war dort auch noch einiges los. 
Aber viel schöner:Die komplette Laufbahn war auf Bodenhöhe mit Fackeln ausgeleuchtet! Wow, grandios. Ich genoss die 400 Meter ins Ziel. Dafür hat sich der Kampf mit mir selbst gelohnt!
Aber dann nochmals ein Highlight: 100 Meter vor dem Ziel geht mitten auf dem Sportplatz ein Feuerwerk los. Was ist denn hier los? Für mich? Waren meine Gedanken. Doch als ich dann glücklich im Ziel mich hinsetzte wusste ich warum: 5 Sekunden nach mir war die erste Frau da! Ehre, wem Ehre gebührt!

Im Ziel gab es dann wundervolle Live Musik, eine super entspannte Atmosphäre unten den Läufern, ein wahnsinnig großes Zielbuffet mit allem was man sich vorstellen kann. Wasser, Cola, Iso, Bier, Erdnüsse, Salzstängel, Hefekranz, Brühe, Schokomuffins. Und genau an die traute ich mich ran. Zwar ohne Hungergefühl, aber ich wusste auch, dass muss nun sein.

Nach einiger Zeit im Liegestuhl und einer warmen Dusche spazierte ich dann gemütlich durch die Stadt zum Auto. Und jeder Läufer, der mir entgegen kam war einfach glücklich. Das sah man richtig.

Die Strecke, die Organisation und auch die Verpflegung sind wirklich top. Und auch die Uhrzeit hat es in sich. Es ist einfach richtig toll dort in die Nacht hinein zu laufen und dann auch so ins Ziel zu kommen.
Auch wenn es für mich dieses Mal mehr Qual war wie Spaß wünsche ich diesem Lauf mehr Teilnehmer!

Bis dahin:
Eine absolute Empfehlung von mir

Markus








Kommentare:

  1. Als ich die Überschrift las, dachte ich mir: "Was soll denn an einer Nacht in Betten so besonders sein? Das hab ich immer." Dann sah ich das zusätzliche "r"!
    Glückwunsch zum Finish! Vor der ersten Frau - top!

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    1. Ich hätte da auch ne Nacht im Kornfeld haben können ;)

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  2. Lieber Markus,
    wow, welch ein Höllenritt! Und Du hast Dich durchgebissen, Respekt! Da darfst Du das Feuerwerk auch auf Dich beziehen! Ich habe ja beim Lesen richtig mitgelitten. Solche Magenqualen habe ich auch schon durchleben müssen. Schlimm. Und wenn der Magen nichts mehr aufnimmt, fehlt es natürlich nachher auch dem Körper an Energie. Hoffentlich bleibt das einmalig, mit den Qualen meine ich. Ansonsten liest es sich ja nach einem tollen Lauf. Bei Fackelschein ins Ziel - wo hat man das schon?
    Nochmals Glückwünsche!
    Elke

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    1. Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt sind immer sch*** :D
      Glücklicherweise hat die Energie aber noch irgendwie bis ins Ziel gerreicht. Oder zumindest der Wille.

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  3. Hast dich tapfer geschlagen, Markus, und dieser Satz gefällt mir besonders gut: " Dafür hat sich der Kampf mit mir selbst gelohnt! " Es lohnt sich immer, zu kämpfen, denn der Einlauf ins Ziel ist das größte Geschenk.

    Auch sieht man wieder an deinem Lauf, dass der Körper bei langen Kanten unberechenbar ist, dass man immer mit widrigen Verhältnissen rechnen muss, die aber zu besiegen, das ist sowieso das Non-Plus-Ultra - und du hast es gepackt - YES !!

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    1. Ja, und dieser Einlauf war wirklich wunderschön!

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  4. Respekt, lieber Markus. Es ist für sich ja schon eine Herausfordung einen hügeligen 52 km-Ultra zu laufen. Dieses dann auch noch mit Magen-Darm-Maleschen zu tun ist schon wirklich hart. Wahnsinn, dass Du das durchgezogen hast.

    Glückwunsch zum Finisch in einer trotzdem hochanständigen Zeit!

    LG Volker

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    1. Ja, schon ohne die Probleme hätte ich eindeutig meinen Spaß gehabt :)

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  5. Hallo Markus, Glückwunsch zu dem Lauf! Wenn ich darüber nachdenke 52km zu laufen wird mir schon schwarz vor Augen :D Ich finde das extrem beeindruckend. Und sehr interessant deine Laufberichte zu lesen.
    Alles Liebe,
    Alice

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    1. Bei der Hitze ist mit Schwindel nicht zu spaßen ;)
      Vielleicht kommst auch du irgendwann in diese Region und kannst soweit laufen :)

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  6. Lieber Markus,
    herzliche Gratulation zum Durchbeissen und zu deinem Finish! :)
    Da war der Kampf gegen dich selbst schwerer, als der mit der Strecke!

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    1. Ohja, an diesem bestimmten Tag war es so!

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  7. Hey.... oh man.... mir reichen an Rahmenbedingungen schon die 52km + 900 Höhenmetern voll uns ganz. Super, dass du dich so durchgekämpft hast!

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  8. Das nächste Mal vielleicht einen Pizzadienst anrufen? Die liefern bestimmt auch an die Strecke :D

    Aber Glückwunsch, das schon echt hart!

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    1. Pizza :D Sehr geile Idee, aber wahrscheinlich hätte ich nichtmal das dann vertragen..

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  9. Puih Markus, das war aber in der Tat ne Quälerei. Respekt fürs Durchhalten. Dass Du trotzdem so ein positives Fazit ziehst, find ich super.

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    1. Ja, aber im Endefekkt wars die richtige Wahl!

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  10. Hallo Markus,

    da bin ich ja auch im Kommentar ganz hin- und hergerissen. Nachtlauf, schöne Strecke, lang klingt einfach nach grossartig viel Spass. Aber dann Magenproblem (auf Holzklopf - noch nie erlebt) und Kampf, dann auch wieder nicht.

    Unglaublich, dass du bei all den Problemen noch vor der ersten Frau im Ziel warst. Tatsächlich gut durchgebissen! Glückwunsch...

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    1. Leider habe ich viel zu häufig Magenprobleme. Nur bisher noch nie bei einem Rennen. Naja, einmal ist immer das erste Mal...

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  11. Gekämpft, belohnt mit Feuerwerk im Ziel! Glückwunsch. Ob das nun für Dich gedacht war oder zufällig genau passte - egal, sicher ein unvergesslicher Moment nach der ganzen Quälerei!
    Magenprobleme sind übel, ein guter Kumpel von uns (Ultralauf Zermatt, Marathon 3:30 Uhr) hat lange rumexperimentiert, dann hat sich sein Magen an Cola plus Salz drin gewöhnt - ging jahrelang gut, und auf einmal krampfte der Magen in Hamburg. Kann man nicht planen ... aber Du bist ja trotz allem erfolgreich durchgeommen. Chapeau :-)

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    1. Ja, alles planen klappt eben nie. Der Körper ist immer unberechenbar!

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  12. gratuliere zum finish :) liest sich trotz dem kampf gegen dich selbst dann doch sehr toll!!

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  13. Hallo Markus
    Welch Wechselbad der Gefühle! Ein attraktiver, super organisierter, familiärer Lauf mit tollem Fakel- und Feuerwerk-Empfang und dann unterwegs solche Mühen mit der Verpflegung und dem überhaupt nicht stimmigen Körpergefühl. Mühsam, wenn der Magen nicht mitmacht!
    Ob es das unterwegs Sein zur eigentlichen Schlafenszeit ist, dass den Bauch protestieren lässt?
    Bisher bin ich zweimal den Bieler Nacht-Marathon gelaufe (die Atmosphäre ist absolut fantastisch - besonders bei Volmond!), doch mein Bauch hätte beide Male lieber schlafen wollen - ausser ein paar Schlucken Cola wehrte er sich auch gegen jegliche Kalorienzufuhr...
    Ich hoffe du findest ein Rezept gegen solche Unannehmlichkeiten!
    Gute Erholung und trotz allem viel Freude an deiner grossen Leistung!
    Liebe Grüsse
    Marianne

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    1. Wunderbar hast du das nochmals für mich beschrieben :)

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